Als meine Tochter sechs war, haben wir einen Nachmittag im Wald verbracht. Sie kletterte auf einen umgestürzten Baumstamm, sprang runter, rollte sich im Laub und stand dann mit einem Grinsen wieder auf, das ich so lange nicht mehr gesehen hatte. Auf dem Spielplatz neben unserem Haus passierte so etwas nie. Dort stand sie meist an der Schaukel und wartete, bis ein Kind ihrer Meinung nach genug hatte. Irgendwann fragte ich mich, warum wir Kindern eigentlich so wenig zutrauen. Die Antwort hat mit einer glatten Fläche zu tun und mit dem Unterschied zwischen Bewegung und Kontrolle. Und sie hat damit zu tun, dass ein Kind, das einen Baumstamm überwindet, mehr über seinen Körper lernt als in einer ganzen Stunde auf einem bolzengeraden Bodenbelag. Gerade Eltern, die ihrem Nachwuchs solche unebenen Erfahrungen ermöglichen wollen, stoßen oft auf das Problem, dass der Alltag dafür wenig Raum lässt. Manche greifen dann auf Hilfsmittel zurück, die zu Hause ein Stück Abenteuer ermöglichen, wie zum Beispiel Geräte, die Gleichgewicht und Kraft spielerisch fordern. Ein passendes Beispiel findet sich auf der Seite https://stretch-armstrong.de/, wo ein Gymnastikgerät für Kinder vorgestellt wird, das eher an ein Sportgerät als an ein Plastikspielzeug erinnert. Doch bevor man über Ausrüstung nachdenkt, lohnt ein Blick auf das Grundproblem.
Der Bewegungsmangel hat viele Gesichter
Studien des Robert Koch-Instituts zeigen, dass nur etwa 22 Prozent der Mädchen und 29 Prozent der Jungen in Deutschland die empfohlene Stunde moderate bis intensive Bewegung pro Tag erreichen. Das ist eine Zahl, die man kurz stehen lassen sollte. Zwei von drei Kindern verpassen also das Pensum, das ihr Körper für eine gesunde Entwicklung bräuchte. Die Gründe sind bekannt: weniger Freiflächen, dichtere Schulstundenpläne, mehr Bildschirmzeit. Was seltener diskutiert wird, ist die Qualität der Bewegung. Ein Kind, das eine Stunde auf einem Laufband läuft, bewegt sich mehr als ein Kind, das im Garten balanciert. Aber es nutzt seinen Körper anders. Es reagiert nicht auf Unebenheiten, muss nicht das Gleichgewicht halten, wechselt nicht die Richtung. Diese koordinative Vielfalt fällt im Alltag weg. Der Körper eines Kindes braucht aber nicht nur Ausdauer, sondern auch Geschicklichkeit, Reaktionsfähigkeit und ein Gefühl für die eigene Kraft. Ein Baumstamm oder eine wacklige Brücke liefert genau das. Ohne solche Reize verkümmern die Synapsen, die für flüssige Bewegungsabläufe zuständig sind. Das merkt man dann spätestens beim Sportunterricht, wenn ein Kind Probleme hat, einen Ball zu fangen und dabei sicher zu stehen.
Wie ein einfaches Gerät den Alltag verändert
Nicht jede Familie hat einen Wald vor der Tür. In einer Vierzimmerwohnung in der Stadt ist Platz ohnehin knapp. Trotzdem gibt es Wege, koordinative Reize in den Alltag einzubauen. Ein gezieltes Fangspiel im Flur hilft. Ein Teppich, auf dem man nicht ausrutscht, wenn man auf einem Bein steht. Oder ein Gerät wie der Stretch Armstrong, ein Gymnastikreifen aus biegsamem Kunststoff, den man unter die Füße nimmt und dabei Übungen macht, die den ganzen Körper fordern. Das klingt unspektakulär, ist aber durchdacht. Das Material gibt nach, ohne zu verformen, und zwingt das Kind, ständig die Fußmuskulatur anzuspannen, um das Gleichgewicht zu halten. Nach wenigen Minuten spürt man die Wade, die sonst beim Stillsitzen keine Aufgabe hat. Ein Vater, mit dem ich sprach, nutzt das Gerät als Teil der Morgenroutine. Seine zehnjährige Tochter macht fünf Minuten lang Übungen, bevor sie sich an den Frühstückstisch setzt. Er berichtete, dass sie danach ausgeglichener sei und in der Schule besser stillsitzen könne. Ob das allein am Reifen liegt, sei dahingestellt. Aber die regelmäßige Aktivierung der Tiefenmuskulatur hat nachweislich einen Effekt auf die Körperwahrnehmung, und die ist die Basis für Konzentration.
Eltern sind keine Sportlehrer
Ein Fehler, den ich selbst gemacht habe, ist der Versuch, Bewegung zu verbessern. Man steht daneben, sagt „Streck die Beine“ oder „Halt den Rücken gerade“ und nimmt dem Kind damit den Spaß. Kinder bewegen sich nicht, um Muskeln aufzubauen oder die Haltung zu korrigieren. Sie bewegen sich, weil es sich gut anfühlt oder weil sie etwas ausprobieren wollen. Diese Motivation sollte man nicht übersteuern. Ein Gerät wie der genannte Reifen funktioniert deshalb gut, weil es keine klare Anweisung braucht. Man legt es auf den Boden, springt hinein, dreht sich, steht auf einem Bein. Die Übung entsteht aus dem Moment heraus. Eltern müssen nicht erklären, was richtig oder falsch ist, sondern nur den Raum dafür lassen. Das fällt vielen schwer, weil es nach Nichtstun aussieht. Aber Kinder, die regelmäßig solche freien Bewegungszeiten haben, entwickeln mit der Zeit ein besseres Körpergefühl und lernen, ihre Grenzen selbst einzuschätzen. Und diese Kompetenz brauchen sie ein Leben lang, ganz unabhängig von der Sportnote in der Schule. Es geht nicht darum, aus jedem Kind einen Turner zu machen. Es geht darum, dem Körper die Vielfalt an Reizen zurückzugeben, die er über Jahrmillionen gewöhnt ist. Ein Stück rutschiger Boden mit ein paar Mal hinfallen, ein Baumstamm mit Rinde, die rau ist, ein Reifen, der unter den Füßen wegrutscht: Das sind die Lehrmeister, die kein Lehrbuch ersetzt. Eltern müssen das nicht organisieren oder anleiten, sie müssen es nur zulassen.